Grenzen klassischer Rehamodelle
Grenzen klassischer Rehamodelle
Nach einer Verletzung oder Operation ist ein strukturierter Rehabilitationsprozess essenziell für eine sichere Rückkehr zum Sport. In traditionellen, inzwischen überholten Rehabilitationsprotokollen wird die Frage nach der Wiederaufnahme bestimmter Aktivitäten häufig anhand festgelegter Zeitintervalle beantwortet. Aktuelle Studiendaten belegen, dass bei fast 50 % der Patientinnen und Patienten nach einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes die Rehabilitation noch immer rein zeitgesteuert geplant wird. Aktuelle Forschung spricht sich hingegen zunehmend für einen kriterienbasierten Ansatz aus. Dabei sollen die Belastungssteuerung und der Therapiefortschritt nicht durch Zeit (allein), sondern primär durch funktionelle und klinische Leistungsziele bestimmt werden. (1)
Individuelle Verläufe lassen sich nicht am Durchschnitt messen
Zeitliche Vorgaben, wie etwa die Freigabe zum Joggen drei Monate nach einer Operation des vorderen Kreuzbandes, beruhen häufig auf populationsbasierten Durchschnittswerten. Sie bilden statistische Wahrscheinlichkeiten für ausreichende Gewebeheilung ab, können aber den tatsächlichen, individuellen Rehabilitationsstatus nicht zuverlässig widerspiegeln. Trotz ähnlicher Rehadauer lässt sich eine große Streuung individueller Leistungsprofile feststellen (2). In der Praxis können Entscheidungen auf Basis zeitlicher Durchschnittswerte individuelle Defizite und Abweichungen vom normalen Heilungsverlauf nicht darstellen, womit sie nicht als alleinige Grundlage für die Progression in der Reha herangezogen werden sollten.
Zeit ist nicht gleich Heilung
Die seit einer Verletzung oder Operation vergangene Zeit erlaubt ohne begleitende Testkriterien keinen verlässlichen Rückschluss auf den tatsächlichen Heilungszustand eines Gewebes. Biologische Heilungsprozesse können sehr individuell verlaufen und müssen zeitlich nicht zuverlässig mit funktioneller Belastbarkeit oder Gewebequalität übereinstimmen. Untersuchungen zeigen, dass Patientinnen und Patienten trotz identischer Zeitspannen nach einer Verletzung erhebliche Unterschiede im Heilungsverlauf aufweisen können (3). Neben der Komplexität einer Verletzung oder Operation können auch biologische und psychosoziale Faktoren die Heilungsdauer maßgeblich beeinflussen.
Die Lücke zwischen Heilung und Performance
Die physiologische Wiederherstellung einer verletzten Struktur geht nicht automatisch mit einer vollständigen sportlichen Belastungsfähigkeit einher. Aktuelle Literatur zeigt, dass sich Prozesse wie Kraftentwicklung, neuromuskuläre Kontrolle und sportartspezifische Leistungsfähigkeit deutlich langsamer als die reine Gewebeheilung entwickeln können. So kann sich eine operierte und/oder verletzte Struktur in einer Bildgebung vollkommen wiederhergestellt darstellen, die Athletin oder der Athlet können funktionell jedoch weiterhin relevante Defizite aufweisen. Eine abgeschlossene Wundheilung bildet das Fundament jeder Reha, während sportliche Einsatzfähigkeit erst dann gegeben ist, wenn funktionelle und leistungsbezogene Kriterien, wie beispielsweise Kraft- und Sprungtests ebenfalls erfüllt sind. (4)

(1) Burgi CR, Peters S, Ardern CL, Magill JR, Gomez CD, Sylvain J, Reiman MP. Which criteria are used to clear patients to return to sport after primary ACL reconstruction? A scoping review. Br J Sports Med. 2019 Sep;53(18):1154-1161. doi: 10.1136/bjsports-2018-099982. Epub 2019 Feb 2. PMID: 30712009.
(2) Petushek E, Harkey MS, Santiago K, et al. (2025). Biopsychosocial profiles following ACL reconstruction: A latent class analysis of barriers to return-to-activity. Physical Therapy in Sport, 75, 144– 150. doi:10.1016/j.ptsp.2025.08.004.
(3) Leow JM, Clement ND, Simpson AHWR. Application of the Radiographic Union Scale for Tibial fractures (RUST): Assessment of healing rate and time of tibial fractures managed with intramedullary nailing. Orthop Traumatol Surg Res. 2020 Feb;106(1):89-93. doi: 10.1016/j.otsr.2019.10.010. Epub 2019 Nov 27. PMID: 31786133.
(4) Pattanaik, M. R., Sahoo , P., Dash , P., & Khan, M. R. (2025). Rehabilitation after Anterior Cruciate Ligament (ACL) Reconstruction: A Review of Criterion-Based vs Time-Based Progression. International Journal of Medical Science And Diagnosis Research, 9(3), 111–119. https://doi.org/10.32553/ijmsdr.v9i3.1063